Interview mit Andrea Bajani

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Geschichten alle mit einer Reise beginnen. Warum?

Nichts verschiebt den eigenen Blick auf die Dinge so verlässlich wie Reisen. Reisen zwingt uns, unseren Ausgangspunkt mit anderen Augen zu betrachten. Und Literatur ist ihrer Berufung nach der Versuch, das, was wir immer vor Augen haben, so zu erzählen, dass es völlig neu erscheint. Die Welt ist immer wieder neu, weil unser Blick immer wieder ein neuer ist. Und Reisen heißt außerdem, die eigenen Sicherheiten zu verlieren, sich in Unentdecktes hinein zu begeben. Es heißt, mit neuen Unsicherheiten in neue Gebiete vorzudringen. Unsicherheit zwingt einen immer dazu, alle Sinne zu nutzen, auf der Hut zu sein, und genau in diesem Zustand sinnlicher Wachsamkeit entsteht Poesie, die neue andere Welt.

Könnten Sie uns in ein paar Sätzen beschreiben, worum es in Liebe und andere Versprechen geht?

Die Arbeit von Jahren und die Komplexität einer Geschichte in ein paar wenigen Sätzen zu fassen, ist natürlich immer schwierig. Auf jeden Fall ist Liebe und andere Versprechen, glaube ich, ein Roman über Geheimnisse, über Dinge, die wir nicht aussprechen, in Beziehungen nicht und auch nicht historisch gesehen. Und darüber, dass das Unterschlagene, das Nicht-Ausgesprochene oft mehr im Weg steht und schwerer zu überwinden ist als das, was wir uns gegenseitig sagen. Hier liegen die großen Verdrängungen. Ein Paar, dass sich einem Beziehungsproblem nicht stellt, kann es auch nicht lösen: Es muss mitansehen, wie es immer wiederkommt und mit jedem Tag größer wird, und irgendwann kann es, nur noch zusehen, wie es ihm um die Ohren fliegt, und nichts mehr dagegen machen. Genauso ist ein Land, das sich über die eigene Vergangenheit, auch die scheußlichste, keine Rechenschaft ablegt, sondern sie zu verleugnen versucht, nicht nur zu Albträumen verdammt, sondern auch zu immer neuen Lügen, um die Lügen aufrechtzuerhalten, die es sich erzählt. Und dann ist Liebe und andere Versprechen vermutlich auch ein Roman darüber, wie wichtig es ist, sich, wenn man Dinge verloren hat, auf die Suche nach ihnen zu machen. Darüber, wie nötig es ist, sich dem eigenen Schicksal zuzuwenden, es nicht einfach so hinzunehmen.

Wie kamen Sie auf die Idee für diese Geschichte?

Ideen kommen von allein, ohne dass wir es merken. Sie sind Gedanken, die einem immer wieder durch den Kopf gehen und ein Nest bauen, und von da aus suchen sie sich Raum, dehnen sich solange aus, bis sie alle anderen Gedanken dazu gebracht haben, sich nur noch mit dieser einen Geschichte zu befassen. In diesem Fall war ich in einer schwierigen Phase, es ging um eine Trennung, und ich war dabei, mir über alles, was gewesen war, auch über alle Selbstlügen, Rechenschaft abzulegen. Und dabei ist mir klar geworden, dass diese Beziehung nicht meine ganze Vergangenheit war, dass die sich nicht auf ein paar Jahre reduzieren lässt. Es gibt Entscheidungen, auch sehr heftige, sehr gewalttätige, von anderen Leuten getroffene, die das Leben der nachfolgenden Generationen sehr tief prägen. Damit will ich nicht sagen, dass Liebe und andere Versprechen meine Lebensgeschichte ist: im Gegenteil. Keine Ähnlichkeit. Aber was den Prozess, das Graben betrifft, die sind dieselben. Außerdem hat Literatur die faszinierende und gleichzeitig fast zwanghafte Verpflichtung, die Erdrinde abzudecken und sich tief hinein bis in die Eingeweide zu stürzen.

Wie haben Sie für dieses Buch recherchiert?

Das Schöne bei einem Buch ist, dass man es wachsen und seine Form verändern sieht, ohne dass man sich dessen, was da passiert, bewusst ist. Etwas zu wollen ist dem künstlerischen Akt fremd. Es gibt zwar durchaus einen Willen, aber der hat mit dem kreativen Prozess zu tun, also mit den Stunden, die ein Schriftsteller am Schreibtisch verbringt. Sobald man da sitzt, besteht die hauptsächliche Arbeit aus Warten. Ich warte darauf, dass die Dinge kommen, ich sehe, wie sie mithilfe meiner Hände auf dem Bildschirm des Computers auftauchen. Und ich sehe genau wie jeder Leser - klar, ich habe das Privileg, der erste zu sein -, zu, wie sich die Geschichte entwickelt, ich bin davon angerührt oder erschrecke mich genau wie alle anderen. Dann lasse ich die Hände ruhen und warte darauf, dass der Rest von allein kommt. Wenn ich müde bin, höre ich auf und versuche, nicht dran zu denken, nichts von der Geschichte zu verlangen, was ihr fremd ist.

Sowohl in Lorenzos Reise als auch in Liebe und andere Versprechen macht sich die Hauptfigur auf die Suche nach der Familiengeschichte. Was fasziniert Sie so an diesem Thema?

Es ist ein doppeltes Faszinosum. Zum einen die Familie, zum anderen die Vergangenheit. Die Familie ist einer der interessantesten Organismen, die es gibt, im guten wie im schlechten Sinn. Sie ist ein Ort, an dem Menschen aufeinander treffen, die einander nicht ausgesucht haben, die aber von einem bestimmten Schicksal oder auch Fluch gezwungen werden, mindestens ein paar Jahre lang zusammen zu leben und Entscheidungen und Intimitäten miteinander zu teilen. Und all das nur kraft oder aufgrund des Bluts, von etwas also, das im einzelnen Körper fließt und sich auch den Stammbaum hinauf und hinunter bewegt. Wir Westler als Cartesianer und Rationalisten erheben ja immer den Anspruch, dass unser Leben und unsere Entscheidungen eine logische Begründung haben. Wir schwadronieren gern über unsere Fähigkeit zur Entscheidung. Aber gleichzeitig leben wir in diesem völlig irrationalen, gar nicht selbst entschiedenen Zusammenhang. Literarisch gesehen ist das ein höchst fruchtbarer Widerspruch. Existenziell gesehen kommt's auf die Entscheidungen jedes Einzelnen an! Und was die Vergangenheit angeht - es gibt sie. Es gibt sie so, wie es die Zukunft gibt, und selbstverständlich gibt es die Gegenwart. Von Gegenwart ist viel, zuviel die Rede. In Italien gibt es gerade eine Riesendebatte, und sie ist noch nicht zu Ende, über Die Gegenwart und darüber, wie wichtig es sei, dass die Literatur sich mit Gegenwart beschäftigt. Nun, nach meiner Meinung sollte sich Literatur mit Zeit befassen, nicht mit Gegenwart. Zeit ist ein viel weiterer Raum, in ihm stecken auch Vergangenheit und Zukunft. Literatur wohnt in der Zeit. Vergangenheit und Zukunft in Verbindung zu bringen, darum geht es. Meine Figuren gehen zurück in die Vergangenheit, um die Uhr wieder aufzuziehen. Täten sie diesen Schritt zurück nicht, könnten sie auch keinen Schritt vorwärts tun, nicht wachsen, nicht auf die Zukunft zugehen.

Wie hat Ihre eigene Reise ins Schriftstellerleben begonnen?

Angefangen habe ich in Turin in einer Dachkammer, im vierten Stock ohne Heizung. Ich saß mit drei Pullovern und zwei Decken über den Knien am Schreibtisch und schrieb mit frostklammen Fingern, es war Winter. Aber ich wusste genau, hier geht es lang. Ich suchte nach Worten, die all das aus mir herausholten, was ich nicht begriff. Und ich suchte genauso auch nach Worten, die mich in die Welt da draußen bringen konnten, die Welt, in der ich lebte und in der andere Leute mit viel zu vielen vorgestanzten Worten um sich warfen. Ich musste das unbedingt auf meine Weise alles neu denken. Ich hatte damals alle möglichen Jobs, ich hatte zum Schreiben nur die Nächte und die Wochenenden und die Ferien, nicht gerade zur Freude meiner Freundinnen. Aber nach und nach habe einen Rhythmus und eine Art zu schreiben gefunden, und vor allem Leser. Inzwischen habe ich eine Wohnung mit Heizung: Ich bin also schon ein paar Schritte vorangekommen.

Hat es Sie und Ihr Leben verändert, nur noch Schriftsteller zu sein?

Total. Verändert hat sich, wie ich mit meiner Zeit umgehe, und das ist die, sagen wir, oberflächlichste Veränderung. Dank dieser oberflächlichen Veränderung kann ich zum Beispiel dann schwimmen gehen, wenn nur Rentner, schwangere Frauen und Arbeitslose im Schwimmbad sind (die grübeln beim Schwimmen wahrscheinlich, zu welcher der drei Kategorien ich gehöre...). Am greifbarsten verändert hat sich die Art und Weise, wie ich die Welt betrachte und wie ich in dieser Welt aktiv werden kann. Vollzeit-Schriftsteller sein bedeutet, ständig die Welt zu lesen, zu vernehmen, ihr Fragen zu stellen und zu versuchen, eine Form zu finden, in der man sie erzählen kann. Es bedeutet, intensiv, vielleicht zu intensiv zu leben und aus all dem jedesmal auf dem Papier eine Darstellung der Welt zu schaffen. Romane sind genau wie Weltkarten: maßstabsgetreue Darstellungen einer Realität, in der wir uns tagtäglich bewegen. Als letztes (alle Veränderungen zu beschreiben, würde ewig dauern) bekommt man dadurch andere Möglichkeiten, in der Welt, in der man lebt, zu agieren, auch politisch. Dass man eine Person der Öffentlichkeit ist, bringt einem sowohl die Verantwortung als auch die Macht, Stellung zur Welt beziehen zu können und die mit möglichst vielen Menschen zu teilen.

Wo und wann können Sie am besten schreiben?

Ich schreibe sehr gern an Orten, die von allem unberührt sind, am besten fern von zu Hause. Ich bin jahrelang wie ein Pilger durch die Welt gezogen, durch die Wohnungen von anderen Leuten, Freunden. Ich schreibe zum Beispiel oft in Paris und bin ständig auf der Suche nach einem Wohnort für Schriftsteller, wo man arbeiten kann. Jetzt mit Familie ist alles ein bisschen komplizierter geworden, auch weil ich ungern lange weg bin. Ich nehme sie lieber alle mit. Ich habe zum Beispiel von einem Berliner Aufenthaltsstipendium für Schriftsteller gehört, für ein Jahr, und ich will versuchen, nächstes Jahr da hinzukommen. Also, wer mir bei dem Projekt helfen möchte, ist herzlich willkommen. Nein, Spaß beiseite, Schreiben hat einen Ort und eine Zeit. Ich schreibe sehr gern frühmorgens zwischen halb sechs/sechs und neun. Zeitlich ist das ein idealer Raum, sozusagen ein Voll-Zeit-Raum, von niemand anderem bewohnt. In dieser halluzinatorischen Stille kommen die Worte leicht zum Vorschein.

Wenn wir jetzt einen Blick auf Ihren Nachttisch werfen könnten, welche Bücher würden wir da sehen?

Gogol. Zur Zeit lese ich Gogol wieder. Ich hatte ihn jahrelang ein bisschen schmählich behandelt, weil für mich niemand an Dostojewski heranreicht. Aber im Augenblick spricht mich Gogol wieder an, und ich gehe mit ihm mit.

© 2012.02.27. Pieke Biermann